Nachklang zur Lesung mit Rafaela Schmakowski

Rafaela Schmakowski

Lesung zum Buch: ZEITRÄUME. Kultur. Kalender. Labyrinthe.


Mit den angemeldeten 15 Personen für die Sonntagsmatinée haben wir uns zur Begrüssung im sattgrünen Maienlabyrinth getroffen. Gelb und violett leuchteten Iris und Flieder und bedufteten den Weg.


Anschliessend sitzen wir oben im Raum. Nach Annas ausführlicher Einführung, übernimmt Rafaela das Wort und beantwortet folgende Fragen:

Was war wann bezeichnenderweise der erste Impuls, das Eingangstor zum Labyrinth? Rafaela erzählt von einem Kalenderbild mit Labyrinth aus Steinen vor offenem Meer mit Segelschiff im Hintergrund:


dann erwähnt sie die Begegnung des Sonnenblumenfeldes im Kasernenhof projektiert von Rosmarie und Agnes 1991.

Welches Feuer trieb dich weiter diese komplexen Zusammenhänge des Labyrinthes zu erforschen? Rafaela illustriert ihr Engagement als Sozialpädagogin zum Thema strukturelle Gewalt und Gewalt in der Familie. Das Zusammenwirken mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen haben ihr mehr und mehr die Zusammenhänge eröffnet, wo der gesellschaftliche Mangel an positiven Strukturen liegt. Über das Labyrinth realisiert Rafaela die Kraft dieser Grundform. An verschiedenen Kongressen, unzähligen Gesprächen mit Interessierten verfolgte, sammelte, dokumentierte und forschte Rafaela weiter zum Thema.

Leseprobe und ausführliche Informationen zu ihrer Arbeit mit dem Labyrinth sind auf der Internetseite zu finden: https://www.rafaela-schmakowski.de/das-buch.html

Am Labyrinth-Kongress in Dresden hat sie das Versprechen abgelegt ihr Wissen in einem Buch niederzuschreiben. 2021 hat sie nach langjähriger Schreibwerkstatt das Buch «ZEITRÄUME» im Eigenverlag herausgegeben. Es ist ihr / uns allen ein Geschenk die erste Lesung zum Buch am Labyrinthplatz Zürich anlässlich des 30-Jahrjubiläums zu feiern. Gerne erwähnt sie die Freundschaft mit Susanne Kramer und Simone Staehelin, die sie zu Labyrinth-Seminaren in der Schweiz eingeladen haben, in Zürich, in Basel und in Lavin.

Zeit, Kultur, Kalender, Labyrinthe? 13 Kapitel sind die Wegleitung durchs Buch ZEITRÄUME. Anlässlich der Sonnen-, Mond- und Venuszyklen veranschaulicht Rafaela uns die Rhythmen der Gestirne, liest aus dem Buch vor und führt uns meisterinnenhaft ins Wesen Labyrinth ein, dem sakralen Raum unter dem Himmel. Ihr Buch ist erhältlich bei: www.epubli.de – ISBN 9783753159331.

Foto:


Mit offenen Ohren, Herzen und wachen Augen durften wir in Rafaelas Wissen eintauchen. Allzu schnell sind die zwei Stunden vergangen. Zum Ausklang verweilten wir nochmals im Labyrinth, tauschten uns aus, gratulierten und bedankten uns bei Rafaela zu Buch und zu Lesung.


Herzlichen Gruss Anna




Für uns hat Rafaela folgende Zusammenfassung geschrieben:


Einige meiner Thesen im Buch ZEITRÄUME

Das Labyrinth ist ein kosmologisches Echo, ein kleines, zweidimensionales Spiegelbild der dreidimensionalen Himmelszyklen von Sonne, Mond und Venus aus unserer irdischen Sicht. Folglich ist es kein Sinnbild für das Auf und Ab und Hin und Her eines persönlichen Lebensweges. Aber durch ein Labyrinth zu wandeln, ist hilfreich für den Lebensweg, weil es eine harmonisierende und ordnende Wirkung hat. Das liegt daran, das die spiraligen und lemniskatischen Bewegungen des Labyrinths und im Labyrinth der organischen Formgebung alles Lebendigen auf der Erde entsprechen und vorausgehen.

Labyrinthe sind Kulturgut vieler Völker, vermutlich waren es Kult- und Tanzplätze, die die Lebenswege der Menschen im Jahreszyklus begleiteten. Die Konstruktion eines siebengängigen Labyrinths beruht meiner Ansicht nach auf den Umläufen von Mond und Sonne im Jahreszyklus, insbesondere aber eines zweijährigen Lunisolarkalenders mit sieben besonderen Tagen.

Das Kretische Labyrinth war meiner Ansicht nach ein Reigentanz mit speziellen Schrittfolgen in Form eines Gordischen Knotens, bestehend aus vier siebengängigen Labyrinthen. Kalendarisch war es das kretische „Grosse Jahr“, ein achtjähriger Lunisolarkalender im Zyklus der Venus mit drei eingeschobenen Mondmonaten. Die Labrys, als Doppelaxt bezeichnet, war dafür das Sinnbild.

In einer kalendarisch lunisolaren Weltsicht gibt es 13 Tierkreiszeichen im Jahreszyklus, nicht 12. Das 1. bzw 13. Tierkreiszeichen ist der Schlangenträger, gr. Ophiouchos, der Mitte November im Tierkreis über dem Horizont aufsteigt. Sein Erscheinen am Himmel wurde vermutlich während der kretischen Kultur von der Priesterin einer Schlangengöttin repräsentiert.

Der Wert einer zyklischen Dimension in kalendarischen Zeitsystemen ist für den Erhalt des Lebens auf der Erde elementar. Wir stehen zur Zeit zwischen zwei der Erde sehr nahen Vollmonden, die in der Presse als Supermond oder Pinkmond bezeichnet werden. Diesen Zeitraum, einen Mond, haben Anna, Mirjam und ich bewusst wahrgenommen und genutzt, um die heutige Veranstaltung vorzubereiten. Es ist deshalb ein kulturelles Agieren mit der Mondzeit, also mit einem Zyklus, der für Alle und Alles Irdische gleichermaßen existiert und elementare Auswirkungen hat.

Sich der natürlich gegebene Zyklen der Zeit bewusst zu sein und sie zu nutzen ist ein Trost und eine Stärkung, nicht nur in schwierigen Zeiten einer Viruspandemie. Das globale lineare Zeitsystem des julianisch-gregorianischen Kalenders ist wegen seines Mangels an der zyklischen Komponente eine Bedrohung für das Leben. Es zerstört den Biorhythmus, hat Bindungslosigkeit zur Folge und folgt der Effizienz von maximaler Ausbeutung und Vernichtung aller Ressourcen auf der Erde. Dazu ein Text aus dem Buch Der Pilz am Ende der Welt - Über das Leben in den Ruinen des Kapitalismusvon Anna Lowenhaupt Tsing.

Prof. für Anthropologie an der Universität of Kalifornien Santa Cruz. Englische Ausgabe 2015: The Mushroom at the End of the World: On the Possibility of Life in Capitalist Ruins. Übersetzt 2021, Verlag Matthes und Seitz, Berlin, S. 37:

„Fortschritt ist ein Vorwärtsmarschieren, das fremde Zeitformen in seinen Takt hineinzieht. Ohne diesen treibenden Rhythmus wären wir vielleicht imstande, andere Muster (des Lebens) wahrzunehmen. Durch jahreszeitliche Wachstumsimpulse, lebenslange Fortpflanzungszyklen und geografische Verbreitungsmuster gestaltet jedes Lebewesen die Welt immer wieder um. (...) Gerade weil wir nicht wissen, wohin wir gehen, sind wir in der Lage, nach jenen Dingen Ausschau zu halten, die, da sie der Zeitachse des Fortschritts nicht entsprochen haben, stets übergangen worden sind.“

Die Zeit des Himmels zunichte zu machen, hat zur Folge, das Leben auf der Erde unter dem Himmel zunichte zu machen. Das ist mein politischer Ansatz für die Arbeit mit dem Labyrinth. Wenn man in der heutigen Zeit, in der wir leben, kein Geld hat und kein Geld verdienen kann, keine Arbeit hat und haben kann, wenn kein Brot auf den Tisch kommt, dann nutzt einem die viele leere Zeit, die man dadurch hat, nichts im Grunde. Ganz im Gegenteil: Die viele leere Zeit macht den Menschen krank und desolat und sie macht das Leben auf der Erde nicht mehr froh.


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