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Predigt

Wir teilen hier den Text einer Predigt, die Esther Gisler Fischer am 16. April in der

Markuskirche in Zürich-Seebach gehalten hat.


Das Labyrinth ist ein uraltes Symbol, das sich in vielen Kulturen wiederfindet. Alle sind

willkommen, es braucht keine besondere Zugehörigkeit, Identität oder Konfession. Für

dieses Gefühl auf dem Labyrinth habe ich einmal den Ausdruck „temporäre Zugehörigkeit“

erfunden – wer ins Labyrinth kommt, gehört dazu, für diesen Moment, ohne etwas tun zu

müssen oder sich grundsätzlich zu etwas zu verpflichten. Da sein genügt.


Wenn wir uns im Labyrinth bewegen, sind wir „im Bild“, wir sind miteinander verbunden, auch wenn wir alle unseren eigenen Weg gehen, an einem anderen Punkt vielleicht innehalten, um etwas zu betrachten.


Es ist schön, dass die Inspiration des Labyrinths in alle Richtungen wirkt und wir freuen uns

über Esthers Predigt!


Caroline Krüger

Drohnenaufnahme Foto Credit: Sascha Leu


Predigt

Liebe Gemeinde

Wir haben gehört, wie sich Jesus zu den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus gesellte. Für sie war es eine Zeit der Verwirrung und der Unsicherheit, und sie entflohen der bedrückenden Stimmung in Jerusalem nach der Kreuzigung Jesu, indem sie sich auf den Weg machten. Den Berichten von seiner Auferstehung trauten sie nicht. Bis Jesus ihnen am Tisch das Brot brach; -da gingen ihnen die Augen auf und sie erkannten ihn. Da erst schöpften sie wieder Mut und kehrten nach Jerusalem zurück in den Kreis der anderen Jüngerinnen und Jünger. Man kann vielleicht sagen, dass sie sich wie in einem Labyrinth bewegt haben; zuerst durch zentrifugale Kräfte der Angst und Betroffenheit hinaus ins Land; -dann in der Mitte in einer Phase des zur-Ruhe-Kommens sind sie Jesus Christus, ihrem Lehrer und Freund begegnet. Dies machte ihnen Mut, wieder zurück zu gehen und sich den Aufgaben zu stellen, die sie da erwarteten.

Wege können verschieden aussehen: Schnurgerade, gebogen oder eben in Form eines Labyrinths. Die Abbildung eines solchen findet sich auf dem Blatt, welches Sie erhalten haben. Es ist das Labyrinth, wie es seit dem 21. März, dem Tag des Frühlingsanfangs, auf dem Grossmünsterplatz in Zürich zu sehen und zu begehen ist. Nach 32 Jahren konnte nun auch die zweite Hälfte des ursprünglichen Labyrinthprojektes realisiert werden: Dieses hatte 1991 einen Wettbewerb der Stadt Zürich gewonnen. Das Pflanzenlabyrinth im Zeughaushof hat den aktiven Frauen die Energie gespendet durchzuhalten.

Schauen Sie es an: Es ist in der klassisch-kretischen, 7gängigen Form gehalten; – ein Kulturzeichen, das Jahrtausende alt und auf allen Kontinenten in Gebrauch ist. Auf den ersten Blick etwas völlig Unspektakuläres. Und doch – es ist wohl kein Zufall, dass Labyrinthe die Menschheit seit Jahrtausenden und quer über alle Kulturen hinweg fasziniert und inspiriert haben. In der Geschichte der christlichen Spiritualität spielten und spielen Labyrinthe eine grosse Rolle. Ein Labyrinth hat einen Weg, und ein Labyrinth hat eine Mitte. Zeichnen Sie das Labyrinth auf dem Blatt doch mit dem Finger einmal nach. Dies hat auch eine Tradition: Es gibt nicht nur Labyrinthe, die man zu Fuss begehen kann, sondern auch sogenannte Fingerlabyrinthe. Eines davon ist uralt, es stammt aus dem 13. Jahrhundert, ist in Stein gehauen und etwa 50 cm gross und hängt am Eingang einer Kirche in Italien. Eigentlich ganz attraktiv auch für uns moderne Menschen: Wir sind es ja gewohnt, uns taktil zu betätigen; vor allem auf den Smartphones wandern unsere Finger hin und her. Weshalb zur Entspannung nicht einmal auf einem solchen Fingerlabyrinth?! Sie sehen, bevor Sie in der Mitte, dem Ziel des Labyrinthes ankommen, müssen Sie diese ein paar Mal umkreisen. Im Labyrinth gibt es keinen geraden Weg zur Mitte. So ist auch der Lebensweg keine Zielgerade. Da warten viele Biegungen und Wendungen auf uns. Zuerst geht es links herum, dann rechts herum. Bei jeder Biegung ändert sich der Blickwinkel, ändert sich die Richtung, ändert sich der Horizont. So ist das Leben. Es sind oft nicht die schnurgeraden Wege, die zum Ziel führen. Bevor ich in die Mitte gelange, muss ich diese mehrmals umkreisen. Ich muss mich auf unterschiedliche Sichtweisen einlassen. Der Umweg ist der Weg. Und noch etwas lehrt uns das klassische Labyrinth: Es gibt nur einen Weg. Damit unterscheidet es sich vom Irrgarten. Im Irrgarten gibt es Kreuzungen, Sackgassen und Irrwege. Diese Form des Irrgartens ist dann besonders im 16. Jahrhundert in der Renaissance beliebt geworden. Nicht so das klassische Labyrinth. Da gibt es nur einen Weg. Stehen die Irrgärten für Zerstreuung und Abenteuer, so steht das Labyrinth für Konzentration und Kontem-plation. Das Labyrinth stellt also nicht die Frage: „Gehst du falsch oder gehst du richtig?“ Es stellt bloss die Frage: „Gehst du?“ Der Weg im Labyrinth ist immer richtig, sogar dann, wenn die Biegung von der Mitte wegführt. Manchmal führt der Weg zur Mitte von der Mitte weg. Welch Paradox! Und doch auch entlastend, sich sagen zu dürfen: „Zerbrich dir nicht den Kopf: Es ist, wie es ist, und es ist gut. Es ist dein Weg!“

Der Weg im Labyrinth führt unweigerlich zur Mitte. Was aber befindet sich dort?. Die Mitte ist leer. Diese Mitte ist unterschiedlich gedeutet worden. Das ist ja die Stärke eines guten Symbols, dass es viel-schichtig ist und verschiedene Deutungen zulässt. Viele Geheimnisse umranken so die Mitte des Labyrinths: Nach der Deutung der griechi-schen Antike lauert dort der Minotaurus, dieser menschenfressende Stiermensch, welchen Theseus, der Held überwinden und besiegen musste. Das wurde dann tiefenpsychologisch so gedeutet, dass der Mensch in der Mitte des Labyrinthes sich selbst begegnet. Sich selbst - und damit auch seinen dunkeln Seiten, die er überwinden soll. Für uns hier mögen vor allem diejenigen Deutungen von Interesse sein, welche die Mitte des Labyrinthes in der spirituellen Tradition des Christentums sieht: So wird Jesus Christus selber als die Mitte des Labyrinths gedeutet, dort etwa, wo sich in der Mitte ein Christus-monogramm befindet. Und wo Christus die Mitte ist, da hat auch der Tod keine Chance mehr. Dort wohnt das Heilige. Und wer dem Heiligen begegnet, ist nachher nicht mehr Dieselbe, nicht mehr Derselbe. Denn auch das ist das Labyrinth: Es ist ein Symbol der Umkehr.


Liebe Mitfeiernde

Die Jünger auf dem Weg nach Emmaus sind schlussendlich umgekehrt. Auf ihrem Weg haben sie Jesus als ihren Begleiter gehabt. Sie wussten nicht genau, wohin sie ihr Weg noch führen würde. Sie waren ängstlich und verwirrt. Wie durch ein Labyrinth sind sie gewandert und sind auf diesem Weg durch die Begegnung mit Jesus Christus verwandelt worden. Auch wir sind unterwegs; unterwegs auf unserem je eigenen Lebensweg. Das Labyrinth zeigt es uns: Ich muss überall durch. Ich kann nicht nur die oberen Wege wählen oder nur die unteren, nicht nur die im Westen oder die im Osten. Ich kann nichts auslassen, und nichts ausweichen. Es gibt kein „drum herum“, es gibt nur ein „mitten hindurch“. Hindurch durch Schatten und Licht, über Bergeshöhen und durch tiefe Täler, durch Erfolg und Misserfolg, durch Lachen und Weinen. „The way in is the way out“, habe ich einmal sagen hören: „der Weg hinein ist der Weg hinaus“. Wer aufbricht, wandert. Und wer wandert, verwandelt sich. Es ist kein Zufall, dass das Wort „wandern“ und „Verwandlung“ auf denselben Wortstamm zurück-gehen. Dass wir auf unserer Lebenswanderung immer wieder den Beistand Gottes, die Gegenwart der göttlichen Geistkraft erleben dürfen, das wünsche ich uns Allen von Herzen. Amen.

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