Gedanken zum 35. Geburtstag des Labyrinthplatz Zürich

Das lebendige Begehren nach Wohlbehagen in der Welt
Von Dolores Zoé
Alle finden sich ein, setzen sich hin
Wir fangen an zu wischen
Wir wischen
Wir legen die Steine und die Labyrinthfrau frei
Wir hören auf zu wischen
Wir stellen die Besen zur Seite und schauen in die Runde
Herzlich willkommen!
Herzlich willkommen schöne Menschen!
Herzlichen willkommen schöne Menschen in diesem schönen Labyrinth!
Wir begrüssen euch ganz herzlich zu 35 Jahre Labyrinthplatz Zürich.
Vor 35 Jahren haben Rosmarie Schmid und Agnes Barmettler zusammen mit anderen Frauen hier die ersten Striche gemalt, die ersten Linien gezogen und Schnüre gespannt, um das Labyrinth zu entwerfen. Damals sah es ganz anders aus hier, ihr könnt das auf den Fotos in der Geschichtenecke sehen. Es gab kaum hohe Pflanzen, vor allem einfach Wiese. Aber es war auch grüner als gerade jetzt, nach diesem unendlich trockenen Sommer.
Uns war etwas Bange im Hinblick auf dieses Fest: Sollen wir euch wirklich diesen Platz so zeigen, so trocken und staubig und verbraucht? Ja, das Labyrinth tritt an seinem 35. Geburtstag nicht im Blumenkleid auf, wie wir und das natürlich gewünscht hätten. Aber auch das ist die Realität hier im Labyrinth, die Realität des Jahreszeitenwandels und die Realität des Klimawandels.
Als wir uns vergangene Woche trafen, um das Fest zu besprechen, war auch die Mitte des Labyrinths ein Thema. Es gibt so viel Sonne hier und nur so wenig Schatten, sollten wir nicht in der Mitte etwas aufstellen? Und auch heute wieder waren Léa/Dolo und ich versucht, etwas hier in die Mitte zu stellen, etwas frohes, buntes, farbenprächtiges, was von dieser Trockenheit ablenkt. Aber wir haben die Mitte bewusst frei gelassen. Wir haben sie für euch herausgeputzt – aber wir haben sie freigelassen.
Sodass ihr einander sehen könnt.
Sodass ihr einander sehen könnt in eurer ganzen Schönheit.
Sodass ihr einander sehen könnt mit euren Wurzeln, euren Zweigen und euren Blumen (und vielleicht sogar Vogelnestern auf dem Kopf).
Am vergangenen Sonntag haben wir auch eine längere Retraite gemacht. Wir haben viel darüber gesprochen, wie stark der Platz momentan von Drogen konsumierenden Menschen beansprucht wird und wie diese Nutzung inmitten der Trockenheit und der sterbenden Pflanzen uns stört. Wir fühlen uns, als würden wir als Frauen einmal mehr einen Ort pflegen, der dann von Männern genutzt und verbraucht wird. Wir fühlen uns gestört und ja, manchmal auch bedroht. Einigen von uns ist nicht mehr wohl alleine hier auf dem Platz. Es herrscht ein grosses Unbehagen. Am Ende der Retraite haben wir uns wieder hier versammelt und es dann doch geschafft, den Blick wieder auf das Schöne zu lenken, auf die Blüten, die Vielfalt und die Kraft, die noch immer in den Pflanzen steckt.
Um diesen Impuls zu verstärken, habe ich einen Abschnitt aus dem Grünen Sottosopra mitgebracht. Dieser Text wurde 1983 von Frauen im Mailänder Frauenbuchladen geschrieben und er handelt vom Begehren nach Wohlbehagen.
…
Das lebendige Begehren nach Wohlbehagen in der Welt – Unbehagen ist kein psychsiches Problem, der Anspruch auf Wohlbehagen ist eine politische Praxis, eine subversiver Kampf, um der Angst ein Ende zu setzen. Diese Gedanken schenke ich uns zum 35. Geburtstag des Labyrinths.
Jede von uns verbindet etwas anderes mit Wohlbehagen, unser Begehren ist also nicht das gleiche. Aber wir alle kennen dieses Verlangen, diesen Wunsch, diese Sehnsucht. Ich stelle mir vor, das Agnes und Rosmarie und all die anderen Frauen wie Ursula Knecht vor 35 Jahren auch dieses lebendige Begehren verspürten, sich in der Welt wohl zu fühlen. Dieser Ort, dieses neue Kulturmuster sollte ein Versuch sein, dieses Wohlbehagen in die Welt zu bringen, auch die Schönheit in einer brachliegende Wiese, und auch den Frieden in einer ehemaligen Kaserne.
Und all die Frauen, die damals mitgemacht haben und die seither mitgemacht und das Labyrinth weitergetragen haben, haben auch so ein Begehren verspürt. Und sie sind ihm gefolgt – sonst wären wir alle heute so in dieser Runde nicht hier. Danke Agnes, danke Rosmarie, danke Ursula, allen wirkenden Frauen für euer Begehren nach Wohlbehagen, nach Schönheit und nach Frieden in der Welt und dass ihr im aktiv nachgegangen seid.
«We have roots. We flow.»
– Virginia Woolf –




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