Labyrinthgedanke 2026 Gemeinschaftliches Gärtlidenken
- Labyrinth

- 19. März
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 23. März

Illustration: Isabella Ferrara (isabella@outlook.com
“Es war einmal ein Lattenzaun, mit Zwischenraum, hindurchzuschaun.”
Dank Christian Morgenstern (1871–1914) weiss heute jedes Kind, dass das Wesentliche eines Zaunes seine Zwischenräume sind. Auch wir vom Labyrinthplatz Zürich beschäftigen uns 2026 mit offenen und geschlossenen Zäunen. Der schüttere Draht ums Labyrinth wurde in den vergangenen Jahren arg strapaziert und immer mehr Trampelpfade sind entstanden. Lange haben wir diskutiert: Wie können wir den Garten und seine Pflanzen schützen, ohne den Platz zu schliessen? Brauchen wir einen dichteren Zaun? Widersprechen Grenzen nicht der Idee, dass das Labyrinth ein offener Platz ist? Unsere Lösung: Da und dort verdichten wir den Baum- und Buschbestand, und wo sich die Rabatten erholen müssen, setzen wir Weidengeflechte als temporäre Zäune ein.
Mit den Weidengeflechten gehen wir zurück zur ursprünglichen Bedeutung des Gartens. Seine Bedeutung kommt nämlich von den Weiden- und Haselnussruten und anderen Gerten, die ineinander verflochten den Garten umfriedeten. Das Wort gerd, gard bezeichnete einst ein Gehege, also ein umzäuntes Gelände. Der Labyrinthgarten mitten in der Stadt ist ein solches Gehege, er spendet Ruhe und Schutz. Er bedarf jedoch auch selber des Schutzes und der Erholung, will gehegt und gepflegt werden.
Vielleicht ist es 2026 für uns Zeit, das Gärtlidenken zu rehabilitieren. Nicht im Sinne der Zaunlatten, der Abschottung und Isolation, sondern im Sinne der Zwischenräume, der Ruhe und Erholung. Welche Grenzen brauchen wir dafür? Mit welchen Materialien und Formen gestalten wir sie? Und ganz generell: Welche Bedeutung haben Grenzen, Übergänge und Zwischenräume in unserem Alltag, in unserem Leben?
In Morgenstern Gedicht kommt alsbald ein Architekt “und nahm den Zwischenraum heraus / und baute draus ein großes Haus.” Im Gegensatz dazu wahrt das gemeinschaftliche Gärtlidenken den Platz und die Distanz: Zwischenräume schaffen und gestalten, um Verbindungen, Beziehungen und Vermittlungen zu ermöglichen.
Im Jahr 1915 schrieb Clara Ragaz- Nadig in ihrem unermüdlichen Einsatz für den Frieden und gegen den Krieg:
«Das Bestehende hat immer eine große Gewalt über die Menschen, weil es das Vertraute, Gewohnte, von Jugend auf Bekannte ist. Wir aber müssten ringen um etwas Kommendes, um etwas, das nicht greifbar und fassbar ist, das wir den Menschen noch nicht als ein schönes System, wie den Bauplan eines neuen Hauses, vorlegen können.“
(Clara Ragaz 1915, Die Frau und der Friede)
Im Labyrinthgärtli ist das Kommende kein Haus. Es ist ein Pflänzchen, das einen Garten und das gemeinschaftliche Gärtlidenken braucht, um gedeihen und wachsen zu können.
Möge unser Gärtlidenken und Gärtlihandeln 2026 Raum schaffen für ganz unterschiedliche Pflänzchen, deren Wachstum und Blüte.
Herzlich Willkommen auf dem Labyrinthplatz!
Caroline Krüger und Dolores Zoé Bertschinger




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